Seiten

Mittwoch, 19. Dezember 2012

Literaturtipp: Der Monddiamant


via Graphics Fairy
Die Notizen im Schnee waren über die letzten Wochen wohl etwas vom Winde verweht. Es gab länger keine neuen Posts, weil sich kurz vor Abschluss eines Grossprojektes mein Computer komplett verabschiedete. Es war also ein bisschen hektisch und so blieb das Blog etwas auf der Strecke – ich entschuldige mich für die Sendepause.

Immerhin habe ich die Zeit ohne PC und Internet auch sinnvoll nutzen können und endlich Der Monddiamant (The Moonstone) von Wilkie Collins (18241889) gelesen. Das 1868 erschienene Werk gilt als erster Kriminalroman der englischen Literatur. (Da gibt es natürlich abweichende Meinungen, vor allem die E. A. Poe Fangemeinde würde widersprechen). Dorothy L. Sayers, eine meiner Lieblingsautorinnen, nannte den Roman sogar "probably the very finest detective story ever written."

Wilkie Collins war ein Zeitgenosse und Freund von Charles Dickens, die beiden haben sogar gelegentlich zusammengearbeitet. Der Monddiamant enthält denn auch viele Elemente viktorianischer Belletristik: eine gehörige Portion Orientalismus in Form des legendären titelgebenden Juwels und seiner mysteriösen Geschichte,* Opiumsucht, tragische Helden, Hochstapler, etliche scheinbare und tatsächliche Bösewichte, vorwitzige Bedienstete, einen mutigen Abenteurer, der die Ecken und Enden des Empires erforscht und natürlich zwei junge Liebende und einen klugen Detektiv.

Der Monddiamant ist ein legendärer gelber Diamant, der einst die Stirn einer Statue des Mondgottes in Indien zierte. Während eines mohammedanischen Eroberungszuges fällt der Stein in Diebeshände. Einer alten Weissagung zufolge bleiben aber stets drei Brahmanen in der Nähe des Monddiamanten, wachen über den Stein warten auf eine Gelegenheit, das Juwel zu seinem Gott zurückzubringen. Keiner der späteren Besitzer des Monddiamanten kann deshalb je seines Lebens sicher sein. Das gilt auch für den korrupten englischen Offizier, der den Diamanten Ende des 18. Jahrhunderts aus einer eroberten Festung entwendet. Bei seiner Rückkehr nach England wird der Missetäter von Famile und Standesgenossen wegen seines üblen Rufs geschnitten. Er verbringt den Rest seines Lebens einsam und zurückgezogen, ständig auf der Hut vor den Wächtern des Diamanten. In einem letzten Akt von Boshaftigkeit vermacht er das Juwel schliesslich seiner Nichte zum 18. Geburtstag – wohl wissend, dass er sie damit in Gefahr bringt.

Die eigentliche Geschichte beginnt mit der Ankunft des Monddiamanten in dem Landhaus, in dem die junge Erbin ihren 18. Geburtstag feiern wird. Der Stein bleibt nur wenige Stunden in ihrem Besitz; er verschwindet über Nacht und dies trotz etlicher Vorsichtsmassnahmen. Kurze Zeit später deponiert Londons verruchtester Hehler ein Objekt von unerhörtem Wert in einem Bankschliessfach. Der Rest des Romans ist dem Rätsel gewidmet, wer den Stein stahl und wie er nach London gelangte. Das Geschehen wird in einer Sammlung von Berichten präsentiert, die verschiedene beteiligte Personen rückblickend verfasst haben.

In diesen Berichten entfaltet Collins seine Meisterschaft als Erzähler. Zuerst einmal finden sich darin herrlich Charakter-Vignetten der einzelnen Erzähler. Da ist beispielsweise Gabriel Betteredge, der Verwalter des Hauses, in dem der Diebstahl erfolgte. Er ist ein altgedienter Vertrauter seiner Herrschaft und entspricht dem Typus des weltgewitzten Dieners, den Dickens in Samuel Weller verewigte. Wobei man aber sagen muss, dass Betteredges Herrschaft über einiges mehr an Verstand verfügt als Wellers Pickwickier. Zu Betteredges liebenswerten und leicht schrulligen Angewohnheiten gehört es, Robinson Crusoe als Bibelersatz zu nutzen. Wann immer er nicht mehr weiter weiss, holt er das Buch hervor uns schlägt es an einer zufälligen Stelle auf  und findet dort immer – sehr zum Amüsement seiner Umgebung – eine Lösung. Betteredge kommt im Roman gleich mehrmals zu Wort und das durchaus zu Recht: er ist der unterhaltsamste, wenn auch nicht immer zuverlässigste Erzähler.

Doch auch Charaktere, die weniger als Betteredge zur Erzählung beizutragen haben, hinterlassen einen bleibenden Eindruck: So etwa  die vorzügliche Miss Clack, die voller evangelischen Eifers stets einen Packen religiöser Traktate und Pamphlete mit sich herumträgt und damit ihre Umwelt beglückt; allerdings mit nur mässigem Erfolg, wovon sie sich aber wenig beeindruckt zeigt.

Das Panoptikum wunderbar gezeichneter Figuren allein macht den Roman zu einem Meisterstück viktorianischer Literatur, das ohne Probleme mit Dickens' Werken mithalten kann. Den Ruf als Ur-Krimi bezieht Der Monddiaman aber aus zahlreichen Elementen, die zu Standards der Gattung werden sollten. So bricht Collins nie mit der erst im 20. Jahrhundert ausdefinierten Grundregel des Genres, dass die Akteure nie mehr wissen dürfen als der Leser. Der Tatort  –  abgelegenes Landhaus –  sorgt mit einer überschaubaren Zahl von Akteuren für genug Tatverdächtige, um den Leser in bester Christie-Manier zu verwirren. Zudem legt Collins vor allem in der ersten Hälfte des Romans zahlreiche falsche Fährten, die rückblickend aber auch durchaus interessante Hinweise auf den Tathergang liefern.

Wir treffen auch auf den unfähigen Provinzpolizisten und den welterfahrenen Detektiv aus der Stadt, der sich bereits leicht melancholisch auf seine Pensionierung freut. Der leicht schrullige Sergeant Cuff pflegt die Geduld seiner Umwelt gerne mit langatmigen Ausführung zur Rosenzucht zu strapazieren, der er sich in seinem Ruhestand ganz zu widmen gedenkt. Wenn der Sergeant sich wieder einmal mit dem Gärtner auf eine langatmige Fachsimpelei einlässt, während die restlichen Anwesenden ungeduldig auf sichtbare Detektivarbeit harren, fühlt man sich an zahlreiche seiner jüngeren literarischen Standesgenossen erinnert. Zu pastoralen Hobbies im Ruhestand werden übrigens später auch Sherlock Holmes (Bienenzucht) und Hercule Poirot (Kürbiszucht) neigen.

Das für mich aber überraschendste moderne Element war, dass Collins dem Unbewussten mehrfach viel Platz einräumt. Gut ein halbes Jahrhundert bevor Freud seine Theorien ausformuliert, identifiziert Collins das Unbewusste als treibende Motivation hinter dem Verbrechen. Nicht nur das – er lässt seine Charaktere sogar Methoden entwickeln, dem Unbewussten auf die Spur zu kommen. Auch wenn der moderne Leser vielleicht etwas Mühe damit hat, wie der eigentliche Tathergang letztlich rekonstruiert wird, so ist die Auflösung doch von einer unbestechlichen Eleganz. Collins braucht dazu keine Meisterdiebe, keine Taschenspielertrick oder orientalische Hypnotiseure, ihm reicht die menschliche Natur – samt ihren Stärken und Schwächen – um das Unerklärliche zu erklären.

Wer historische Romane mag und noch auf der Suche nach einer unterhaltsamen Lektüre für die Feiertage ist, dem sei Der Mondstein unbedingt ans Herz gelegt. Er ist in mehreren deutschen und englischen Ausgaben erhältlich.

* Hier wurde Collins wahrscheinlich vom Koh-i-Noor inspiriert, der 1850 nach England kam und dessen geheimnisumwitterte Geschichte für viel Aufsehen sorgte. Der Stein gehört noch heute (allerdings nicht unumstritten) zu den Kronjuwelen und wird nur von Frauen getragen, die der angebliche Fluch des Koh-i-Noor nicht treffen kann.

Kommentare:

  1. In der Tat ein wunderbares, brillant geschriebenes Buch. Herzlichen Dank für den Tipp! - mic

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Gern geschehen! Ich dachte ja, es wäre ein etwas exotischer Tipp, aber eben sehe ich, dass im letzten November in der Fischer Klassiker Serie eine Neuausgabe herauskam.

      Löschen